Integration - Inklusion - Illusion?

 

Gedanken zur Sonderschuldebatte von Dr. Alfred Brader

 

„Inklusion“ und „Integration“ sind wohl jene Wörter, ohne die pädagogische Diskussionen nicht auszukommen scheinen. Kaum ein Vortrag, selten ein Artikel und so gut wie keine Diskussionen, in der diese Begriffe nicht vorkommen. Für viele sind es Reizwörter, für andere sind es reine Schlagwörter, für viele aber sind sie unreflektierte Dogmen, denen bedingungslos nachgeeifert wird. Obwohl die Begriffe selten genau bestimmt werden, kann allgemein davon ausgegangen werden, dass darunter im Bereich der Pädagogik die Hereinnahme behinderter Kinder in den Kindergarten und die Schule verstanden wird.

Die Unbestimmtheit der Begriffe, deren oft plakativer und dogmenartiger Gebrauch und die mit diesem Begriff verbundenen pädagogischen Ansprüche  bedürfen in jedem Fall eingehender pädagogische Untersuchungen. Diese wurden m.E. bis dato nicht wirklich angestellt, weil die Kluft zwischen den einzelnen Positionen anscheinend zu groß ist um einen Dialog zu starten. Der ideologische Grabenkampf, der derzeit über die Bühne geht, ist jedenfalls kein Ersatz für einen echten Dialog. So wird zum Beispiel von den „Inklusionsbefürwortern“ offen für den Abbau und die völlige Aufhebung aller behinderungsspezifischen Einrichtungen plädiert, weil diese inklusionshemmend und folglich als inhuman bezeichnet werden. “Inklusionsgegner“ wiederum argumentieren damit, dass für die Befürworter die Kinder nur Mittel zum Zweck seien, um das leistungsorientierte Schulsystem grundlegend zu ändern. In einer solchen Diskussion bleiben viele Fragen offen.

 Offen bleibt, ob „Integration“ bzw. „Inklusion“ wirklich ein Prinzip ist, welches Geltung für alle Fälle ist, oder ob es wirklich nicht vertretbar ist, für Kinder mit ganz besonderen Bedürfnissen eigene Bildungswege in spezifischen Institutionen anzubieten?

Offen ist weiter, ob wirklich alle behinderten Menschen separiert leben und erst „integriert“, bzw. „inkludiert“ werden müssen?

Offen bleibt auch die Frage, ob „Integration“, bzw. „Inklusion“ durch alleine systematische  pädagogische Veränderungen verwirklicht werden kann?

Viele Missverständnisse beruhen alleine schon auf der Tatsache, dass einerseits alle Sonderschulsysteme derselben Pauschalkritik ausgesetzt werden und anderseits Modelle einer „inklusiven Schule“ propagiert werden, die als  so weltfremd angesehen werden, dass sie von vielen Schulpraktikern als Provokation empfunden werden müssen.

Die eingangs erwähnte Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der den Argumenten der Integration – und Inklusionsbefürworter tritt besonders deutlich hervor, wenn neben der provokativen Dimension der Debatte auch deren fordernder  Charakter erkannt wird. Die Vorstellung eines wirklich intensiv – solidarisch gemeinsam gelebten Lebens von behinderten und nicht behinderten Menschen ist sicher fruchtbar und birgt für die Pädagogik und insbesondere für die Heilpädagogik große Möglichkeiten.

Da pädagogische Reformen selten aus Einsicht in deren Notwendigkeit geschehen, sondern immer vor einem gesellschaftspolitischen Hintergrund geschehen, muss die Pädagogik zuerst überprüfen, ob sie sich für die Verwirklichung gesellschaftlicher Vorstellungen so ohne weiteres in den Dienst nehmen lassen darf, bzw. ob die, an sie gerichteten Forderungen überhaupt mit ihren Prinzipien vereinbar sind?

Um dieser Frage nachgehen zu können,  erscheint es notwendig nach den Gründen für diese Bestrebungen zu fragen.

 Da wären zuerst einmal die vielzitierte  UN – Charta über die Kinderrechte. Diese wird von den Inklusionsbefürwortern so interpretiert, dass es keine gesonderten Formen des Unterrichts für Kinder mit besonderen Bedürfnissen mehr geben dürfe. Diese Lesart ist nicht ganz richtig. Gefordert wird, dass Kinder mit Behinderungen nicht länger vom Bildungsprozess ausgeschlossen werden dürfen. Die Frage in welcher Organisationsform die Kinder in ihrem Bildungsprozess begleitet werden, wird in dieser Charta nicht gestellt. Gefordert wird die Herstellung einer Ganzheit von allen am Bildungsprozess teilnehmenden Schülerinnen und Schülern. Das bedeutet, dass mit den Begriffen „Integration“ und „Inklusion“ ethische Ansprüche verbunden werden, die auch von vielen Menschen unterschrieben werden. Wer will schon wirklich jemand ausgrenzen?

Problematisch wird die Sache, wenn manche Vertreterinnen der Inklusionspädagogik dann behaupten, dass sich mit der Verwirklichung dieser Ansprüche alle Probleme im Bildungsprozess  von selbst lösen würden. Durch Weglassen jener Argumente, die sich gegen die Inklusion sprechen, entstand eine Art „Inklusionsideologie“, die unter dem Anspruch die Schule „menschlicher“ gestalten zu wollen, von vielen Pädagoginnen vehement vertreten wird. Genau diese Heftigkeit stört aber jene, die im Unterricht mit den unterschiedlichsten Individuallagen behinderter Kinder praktisch täglich konfrontiert sind.

Im Spannungsfeld zwischen bedingungsloser Befürwortung und unverhohlener Ablehnung ist es oft nur schwer möglich, die Berechtigung dieser Ansprüche zu überprüfen und zu Entscheidungen zu kommen, die ausschließlich von der Beantwortung einiger Fragen bestimmt werden. Diese Fragen können nur lauten: „Wie kann der Bildung des je einmaligen Kindes am besten aufgeholfen werden?“ „Welche Organisationsform kommt dem Kind am ehesten entgegen?“ Im Mittelpunkt aller diesbezüglichen Überlegungen hat das Kind zu stehen und nicht irgendwelche organisatorischen Dogmen.

Wird dieser Anspruch angenommen, dann muss die Wahlfreiheit zwischen dem Besuch einer Sonderschulform genauso möglich sein, wie der Besuch einer Integrationsklasse oder einer inklusiven Schulform. Löst man alle sonderpädagogischen Einrichtungen auf, so wie das vom BMUKK beabsichtigt ist, wäre es mit dieser Wahlfreiheit schnell vorbei. Übrig bliebe eine Schule, in die zwar alle hinein, aber niemand mehr heraus könne. Genau das gilt es zu verhindern. Es muss auch in Zukunft möglich sein, dass Kinder, für die es emotional nicht erträglich ist, immer zu sehen, was die anderen können, ihnen aber nicht möglich ist, auch eine Schule erleben dürfen, in der sie erfolgreich lernen können.

Ein weiterer Grund für die plötzlich so heftig aufgeflammte Inklusionsdebatte dürfte in der Sonder – und Heilpädagogik selbst zu suchen sein. Diese hat sich in den letzten Jahrzehnten immer stärker an jenen Naturwissenschaften (Hirnforschung, Neurpsychologie etc.) orientiert, deren erklärtes Ziel es noch immer ist, eine durchgängige Berechnung der menschlichen Existenz zu ermöglichen. Die damit  unvermeidbar einhergehende progressive Ausweitung des Behinderungsbegriffes hat bei vielen Menschen eine tiefe Skepsis gegenüber der Sonder – und Heilpädagogik entstehen lassen. Die permanente Orientierung an den Fehlern unter gleichzeitiger Nichtberücksichtigung von den Stärken wurde und wird immer weniger akzeptiert. Ähnlich verhält es sich mit der zunehmenden Partikularisierung des Menschen in seine Teilleistungen. Die damit verbundene Aufhebung der Ganzheit hat ebenfalls  sehr starkes Unbehagen ausgelöst, weil ja damit auch immer die Gefahr verbunden bleibt, dass plötzlich nicht mehr das Kind im Mittelpunkt des Handelns steht, sondern die jeweilige(n) Teilleistungsstörung(en) in den Focus der Betrachtung geraten. Der Dialog mit dem Kind und seinem Umfeld ist vielfach einer undurchsichtigen Testbatterie geopfert worden. Die daraus erhobenen Fakten und Daten wurden über die Persönlichkeit gestellt und das Subjekt ist endgültig zu einem zu behandelndem Objekt geworden.

 Dieser, auch als Stigmatisierung bekannte Prozess, wird von vielen auch als gefährdend für die soziale Integration betrachtet. Die Sonderpädagogik muss sich daher schnell wieder auf ihre Kernaufgabe – nämlich auf die pädagogische Förderung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen  - besinnen. Tut sie das nicht, wird sie sich selbst schnell ihrer Identität berauben und ihre Existenzberechtigung an andere Wissenschaften abgeben.

Begleitet wurde der oben beschriebene Entfremdungsprozess auch noch durch eine durchgängig erkennbare und ständig wachsende Skepsis gegenüber Institutionen. Parteien, das Bildungssystem an sich, Kirchen und anderen  gesellschaftlich relevante Einrichtungen wird immer weniger abgenommen, dass sie zur Lösung von Problemen beitragen können. Aus den erwähnten Gründen bezweifeln betroffene Eltern auch immer wieder die Ergebnisse all jener Verfahren, die die besondere Förderbedürftigkeit ihrer Kinder feststellen und verlangen ganz einfach nur einen anderen Zugang.

Will die Sonderschule als Institution überleben, muss sie daher ihr Wirken und Tun transparent darstellen, ihre zweifellos vorhandenen Erfolge hervorheben, das Fachwissen der PädagogInnen fördern und nicht zuletzt in einen permanenten Dialog mit den Eltern, den Schulen und  allen ExpertInnen eintreten.

 

Dr. Alfred Brader

Pädagogische Hochschule Niederösterreich

Department 1 - Angewandte Kindheits- und Jugendwissenschaft,  Mühlgasse 67, 2500 Baden, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Baden im November 2013