Die Hattie-Studie: Einflussfaktoren

Auf die Lehrer kommt es an
Warum Sitzenbleiben und Fernsehen schaden und die Schulorganisation letztlich egal ist - die wesentlichen ergebnisse der Hattie-Studie

 

zur Studie des BUMUKJohn Hatties Studie „Visible Learning“ aus dem Jahr 2008 ist zunehmend präsenter in der deutschsprachigen Diskussion um Schul- und Unterrichtsentwicklung. Das Buch gilt heute schon als Meilenstein der empirischen Bildungsforschung. Hatties Erkenntnisse werden in den nächsten Jahren auch in Deutschland dazu beitragen, den Unterricht sowie die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften nachhaltig zu verändern.

John Hatties Buch ist als Metastudie angelegt, d.h. die Ergebnisse vieler Studien zu einer Fragestellung wurden zusammengefasst und analysiert. Insgesamt hat Hattie für “Visible Learning” die Ergebnisse aus über 50.000 Einzelstudien aufgearbeitet und verschiedene Einflussfaktoren nach deren Wirkungen (gemessen anhand der Effektstärke) für das schulische Lernen und Leisten von Schülerinnen und Schülern eingeordnet.

Einige Beispiele für die empirischen Befunde Hatties geben einen Eindruck von der Tragweite der Untersuchung:

  • Was schadet? Sitzenbleiben, Fernsehen und Sommerferien.
  • Was hilft nicht und schadet nicht? Offener Unterricht, jahrgangsübergreifender Unterricht, Team Teaching.
  • Was hilft ein wenig? Klassengröße, finanzielle Ausstattung, Hausaufgaben.
  • Was hilft ein wenig mehr? Zusatzangebote für Leistungsstarke, kooperatives Lernen, direkte Instruktion.
  • Was hilft besonders gut? Lernstrategien, Lehrerfeedback, Unterrichtsqualität.

Indem er die zentralen Einflussgrößen für den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern bilanziert, zieht Hattie weitreichende Schlussfolgerungen für guten Unterricht in der Schule: Zum einen zeigt sich, dass Lehrkräfte und deren Unterricht die zentralen Ursachen für erfolgreiches schulisches Lernen sind. Zum anderen sind laut Hattie Reformen eher im Bereich der Unterrichtsentwicklung als im Bereich der Strukturreformen lohnenswert

Hattie im Detail

Elternhaus, Feriendauer und kleinere Schulklassen haben wenig Einfluss auf die Leistung, Feedback der Schüler an den Lehrer, Lernziele und die Selbsteinschätzung der Schüler hingegen viel

Wien - Man könne die Ergebnisse von "Lernen sichtbar machen" nur auf hoch entwickelte und englischsprachige Länder anwenden, schränkt John Hattie selbst die Ergebnisse seiner Studie ein, für die er die Ergebnisse von mehr als 700 Metaanalysen zusammengeführt hat. Vor allem bei den Domänen Schule, Lehrplan und - dem äußerst gewichtigen Faktor - Lehrer sei eine Übertragung in den deutschsprachigen Raum nur eingeschränkt möglich, so die Herausgeber der deutschen Ausgabe des Mammutwerks, Wolfgang Beywl und Klaus Zierer. Dennoch haben viele Ergebnisse auch in nicht-englischsprachigen Ländern Gültigkeit. Im Folgenden wichtige Ergebnisse:

•ELTERNHAUS: Eltern haben insgesamt eher geringen Einfluss auf den Lernerfolg ihrer Kinder. Relevant sind einzelne Faktoren wie der sozioökonomische Status der Eltern, der vor allem in der Vorschule und den ersten Schuljahren Auswirkungen hat. Entscheidend ist dabei laut Hattie, ob die Eltern die in der Schule verwendete "Sprache" und kulturellen Normen beherrschen und wissen, wie sie ihre Kinder beim Lernen unterstützen können. Noch etwas stärkeren Einfluss hat die intellektuelle Stimulation der Kinder im Elternhaus. Ermutigungen und Erwartungen, die Eltern den Kindern mitgeben, haben einen stärkeren Einfluss als Interesse an den Lernfortschritten des Kindes oder dessen Beaufsichtigung.

•FEEDBACK: Einer der mächtigsten Einflüsse auf Schülerleistung. Dabei sind Rückmeldungen der Schüler an die Lehrer das eigentlich wichtige und der drittstärkste aller von Hattie erhobenen Effekte: Lehrer müssen erkennen, wo jeder einzelne Schüler steht, Fehler macht, falsche Vorstellungen hat oder sich zu wenig einsetzt - und dann bei ihrem Unterricht darauf Rücksicht nehmen. Lehrer sollen wiederum bei Feedback an die Schüler darauf achten, dass dieses sich auf die konkrete Aufgabe bezieht (was ist richtig/falsch, was kann verbessert werden und wie, welche Strategien helfen weiter). Dann kann Lehrer-Feedback an Schüler äußerst wirksam das Lernen verbessern.

•FERIENDAUER: Die (lange) Dauer der Sommerferien ist zwar regelmäßig umstrittenes Thema in der Bildungspolitik, hat aber nur sehr geringe negative Auswirkungen auf die Leistung. Durch Lehrer, die sich am Können der Schüler orientieren, können diese Rückstände schnell aufgeholt werden.

•HOCHBEGABTE: Ein Faktor mit sehr stark positiver Wirkung ist "beschleunigter Unterricht" für Hochbegabte, bei dem diese den Lehrplan schneller abarbeiten bzw. Klassen überspringen können.

•KINDERGARTEN: Der Besuch von Kindergarten und Vorschule hat unabhängig von der Dauer einen deutlich positiven Effekt auf die Schülerleistung, wenn auch nur in der Volksschule. Der Besuch von Ganztageskindergärten wirkt sich dabei signifikant stärker aus als der halbtägiger Einrichtungen. Bei Vorschulen ist der Effekt bei einer Dauer von mehr als einem Jahr stärker und insbesondere bei Kindern aus Minderheiten größer. In Kindergarten und Vorschule könnten außerdem so wichtige Einflussfaktoren wie Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen oder die Bereitschaft, sich für das Lernen anzustrengen, gefördert werden.

•KLASSENGRÖSSE: Nur geringen positiven Einfluss hat die Verringerung der Klassengröße, in die in Österreich seit Jahren investiert wird. Diese scheine sich eher auf die Arbeitsbedingungen auszuwirken, was sich dann "auf das Lernen auswirken kann oder auch nicht". Grund dafür scheint laut Hattie, dass Lehrer auch bei kleineren Klassen so unterrichten wie davor und "damit die Chancen, die sich ihnen durch die geringere Zahl von Lernenden bieten, ungenutzt lassen".

•LEHRER: Das aktuelle Mantra, dass die Leistung der Schüler vom Lehrer abhänge, ist aus Hatties Sicht missverständlich. Tatsächlich hat die Art, wie Lehrer unterrichten, die stärksten Auswirkungen auf den Lernzuwachs. Man solle daher weniger über die persönlichen und beruflichen Merkmale diskutieren, sondern "die Qualität der Effekte von Lehrpersonen auf das Lernen". Lehrer sollen wie Regisseure das Lernen ihrer Schüler steuern: Sie müssen wissen, wo ihre Schüler gerade stehen, was das Lernziel ist und wie sie es erreichen können. Wenn Schüler etwas nicht verstehen oder beherrschen, müssen Lehrer ihnen alternative Lernwege anbieten können. Sie bräuchten eine Liebe zu ihrem Fach, den Willen, es den Schülern näherzubringen und den Glauben, dass jeder Schüler lernfähig ist. Am effektvollsten ist ein Lehrer dann, wenn er selbst vom Feedback der Schüler lernt, wie er seinen Unterricht adaptieren muss und die Schüler dazu befähigt, selbst zu Lehrern zu werden.

•LEHRERAUSBILDUNG: Die erste Ausbildung hat nur wenig Einfluss darauf, wie stark Lehrer später die Lernleistung ihrer Schüler beeinflussen können. Als Grund wird vermutet, dass angehende Lehrer zu wenig neue Unterrichtskonzepte kennenlernen bzw. zu wenig Möglichkeiten haben, diese umzusetzen. Das Fachwissen bewirkt laut empirischer Daten überraschenderweise so gut wie nichts, viel wichtiger ist demnach eine stärker intellektuelle Orientierung der Lehrer, verbale Leistungsfähigkeit und deren Fähigkeit, Beziehungen zu den Schülern aufzubauen. Stärkere Effekte werden der Weiterbildung attestiert, vor allem, wenn sie Lehrer dazu bringt, ihre bisherige Art des Lehrens zu hinterfragen. Ob Lehrer für Weiterbildung freigestellt werden und ob diese verpflichtend ist, hat übrigens auf die Schülerleistung keinen Einfluss.

•LERNZIELE: Anspruchsvolle, aber erreichbare Lernziele sind laut Hatties Ergebnissen entscheidender Ansporn dafür, ob Schüler ihre Leistung verbessern. Die Ziele müssen in Bezug zum derzeitigen Lernstand stehen, reine "Tu dein Bestes"-Ziele nutzen nichts. Für Lehrer bedeutet das, dass sie den individuellen Wissensstand ihrer Schüler kennen und ihren Lernweg so strukturieren müssen, dass diese das Ziel auch erreichen können.

•LEHRPLÄNE: Wichtiger als der Inhalt der Lehrpläne sind die Strategien, die Lehrer verwenden, um Lerninhalte zu vermitteln. Nach Hattie sollen Schüler so unterrichtet werden, dass sie neben anspruchsvollem Oberflächenwissen auch spezifische Fähigkeiten und ein tieferes Verständnis für das jeweilige Fach sowie Lernstrategien entwickeln.

•SCHULSTRUKTUR: Strukturellen Fragen wird in Hatties Studie der geringste Einfluss auf die Schülerleistung attestiert. Bei zwei Schülern mit denselben Fähigkeiten komme es nicht darauf an, welche Schule sie besuchen, sondern welcher Lehrer sie unterrichtet. Leistungsdifferenzierte Klassenbildung hingegen hat "einen Effekt von nahezu Null". Kein gutes Zeugnis stellt Hattie einigen in der Neuen Mittelschule (NMS) favorisierten pädagogischen Konzepten aus: So hat die interne Differenzierung keine nennenswerten positiven Auswirkungen - Ausnahme sind Klassen mit mehr als 35 Schülern, wie sie in Österreich aber ohnehin kaum vorkommen. Und auch die Individualisierung, bei der der Lernstand jedes einzelnen Schülers berücksichtigt werden soll, ist kaum effektiver als ein traditioneller Lehransatz. Mit Team-Teaching wird einem Konzept, für das es an den NMS extra Budgetmittel gibt, bescheidener Erfolg beschieden. Allerdings: Werde dieses Modell kombiniert mit anspruchsvollen Lernzielen sowie mehr Feedback der Schüler an die Lehrer bzw. der Lehrer untereinander, "dann sind die Effekte vermutlich sehr viel größer". Ein weiteres reformpädagogisches Modell, der gemeinsame Unterricht von Schülern verschiedenen Alters in einer Klasse, hat ebenfalls einen Effekt "im Bereich nahe null", da "die tief verwurzelte Grammatik des Unterrichtens" trotz solch struktureller Änderungen gleich bleibe.

•SCHÜLER: Die stärksten Einflüsse bringen die Schüler selbst mit. Auf Rang eins der insgesamt 138 Faktoren landet die Selbsteinschätzung des eigenen Leistungsniveaus. Liegt sie unter dem, was die Schüler eigentlich könnten, bremsen sie dadurch ihre eigenen Möglichkeiten. Lehrer müssen deshalb stets anspruchsvollere Ziele setzen und Schülern das Selbstvertrauen vermitteln, sich selbst solche Ziele zu setzen. Auf Rang zwei der gewichtigsten Einflussfaktoren landet die kognitive Entwicklung von Schülern: Weiß der Lehrer, in welchem Entwicklungsstadium des Denkens die Schüler sind, kann er Stoff und Aufgaben entsprechend wählen. Eine der höchsten Effektstärken hat auch das Leistungsniveau, von dem ein Schüler startet. Das Geschlecht hat unterdessen allen Debatten über die Notwendigkeit von mädchen- oder bubensensiblem Unterricht zum Trotz vernachlässigbar geringe Auswirkungen auf die Leistung.

•SITZENBLEIBEN: Das Wiederholen einer Klasse und auch die Androhung von Sitzenbleiben führt nicht zu einer allgemeinen Verbesserung der Lernleistung oder mehr Reife, wirtschaftlich gesehen handle es sich um Geldverschwendung. Außerdem ist die Gefahr eines Schulabbruchs bei Sitzenbleibern doppelt so hoch.

•UNTERRICHTSGESTALTUNG: Im Unterricht ist laut Hattie wichtiger, was die Schüler zu tun bekommen, als was der Lehrer selbst macht. Ebenfalls sehr einflussreich ist die Beziehung des Lehrers zu den Schülern. Mittlere Effekte haben die Erwartungen des Lehrers an die Leistungen der Schüler. "Diejenigen Lehrpersonen, die bestimmte Unterrichtsmethoden verwenden, die hohe Erwartungen an alle Lernenden stellen und die positive Lehrer-Schüler-Beziehungen aufbauen, haben mit hoher Wahrscheinlichkeit überdurchschnittliche Effekte auf die Schülerleistungen." Erfolgreicher Unterricht setzt voraus, dass die Schüler genau wissen, was ihr Lernziel ist, Strategien zur Verfügung gestellt bekommen, um es zu erreichen, ihr Lernen planen. Der Lehrer muss sich außerdem fortwährend von den Schülern Feedback holen, ob sein Unterricht funktioniert. Lehrer müssen außerdem - auf Basis empirischer Belege aus dem Klassenzimmer - ihren Unterricht kritisch reflektieren und mit Kollegen diskutieren. (APA, 17.4.2013)

 

Link:  Die HATTIE Studie BM:UKK

Link: visiblelearning.de