Langtext zum Artikel in der SCHULZEITung 1_2015

von Paul Haschka

LEVNÖ Stv. Vorsitzender, Bereichssprecher mittlere und höhere Schulen

 

Begabungen erkennen und fördern

Begabung  ist nicht immer leicht erkennbar und begabte Kinder müssen nicht unbedingt lauter Einser haben.

Auch begabte Kinder sind nicht immer super drauf und hoch motiviert. Mit oder trotz ihrer Intelligenz können sie es schaffen, eine Klasse lahm zu legen oder ganz individuell weit unter ihren Möglichkeiten zurück zu bleiben. De Begabungsforschung geht von etwa 10% Begabten in einem Jahrgang aus und 2-3% Hochbegabten.

Kinder, die außerhalb der Norm liegen, machen das Leben für LehrerInnen oft schwer. Neben Förderungen für Schwächere wird auch Unterstützung von begabten Kindern und Jugendlichen gefordert. Im Rundschreiben Nr. 16/2009 (Begabtenförderungserlass) werden zahlreiche Möglichkeiten erwähnt, wie die Schulen mit oder ohne Gruppentrennung Begabungen zum allgemeinen Nutzen fördern können. (siehe BMBF Website oder LEVNÖ).

Der Verein für Begabtenförderung (siehe nächste Seite und http://bbf.lsr-noe.gv.at/) bietet in NÖ mit Unterstützung des Landesschulrats zahlreiche Intensivwochen im Talentezentrum Drosendorf für Kinder im Volksschulalter bis zur Oberstufe als schulbezogene Veranstaltungen an. Die Kosten dafür werden teils vom Verein, teils von den Eltern getragen. Zusätzlich gibt es  am Ende des Schuljahres die Sommerakademie am Semmering.Man würde erwarten, dass sich weitaus mehr SchülerInnen melden.

In den Schulen wird das Angebot an den Schulen nicht immer beworben und daher nehmen nur etwa 2% aller Schülerinnen an diesen Kursen teil. So bleibt es oft der Elterninitiative überlassen, die Begabungen ihrer Kinder zu erkennen und zu fördern. Die Möglichkeiten der Eltern sind dabei vielfältig – und manchmal auch teuer (siehe Kasten).

Nur relativ wenige Schulen haben ein Konzept für Begabtenförderung und werben auf ihrer Website dafür. Was kann in den Schulen vor Ort für die Begabtenförderung und zugleich auch für das Schulklima geleistet werden?

Begabtenförderung in den Schulen - Differenzierung

Der so genannte Begabtenförderungserlass betont, was alles im Unterricht gemacht werden kann und soll. Kernpunkt ist dabei die innere Differenzierung, die die LehrerInnen zu der schwierigen Aufgabe verpflichtet, den Unterricht so zu gestalten, dass leistungsschwächere Kinder ebenso wie Begabte profitieren.

Unterstützung der Lehrenden

Leistungsstärkere Schülerinnen können die Lehrenden unterstützen, indem sie schwächeren etwas erklären. Das geht besser bei offenen Lernformen und in kleinen Gruppen. Davon können alle profitieren und die Erklärenden müssen nicht unbedingt nur die Hochbegabten sein.

Drehtürmodell – nur wenige Gymnasien trauen sich

Hochbegabte Schülerinnen und Schüler dürfen den normalen Schulunterricht fallweise verlassen, um selbständig an Projekten zu arbeiten. So ist es ihnen möglich, speziellen Interessen nachzugehen, die sonst im Regelunterricht nicht berücksichtigt werden können. Sie sollen besondere Herausforderungen suchen und durch individuelle Betreuung optimal ihre Talente weiter entwickeln (Beispiel aus Baden). Das Drehtürmodell könnte durchaus auch in der Unterstufe und in den NMS angewendet werden

Enrichment

Enrichment bedeutet eine qualitative Anreicherung des Unterrichtsangebots, angepasst an die Bedürfnisse und Interessen der (hoch) begabten Schüler/innen. Diese Art des Unterrichtsangebotes ermöglicht sowohl vertiefendes als auch in die Breite gehendes Lernen. Enrichment ist nicht „ein Mehr des Selben“, sondern zielt auf die intensive Beschäftigung mit weiterführenden Inhalten ab.  Als Unterrichtsbereicherung sollte Enrichment im Förderunterricht ebenso wie im Klassenunterricht geschehen.

Pullout Kurse

Kurse für besonders Interessierte können und sollen natürlich auch an Schulen angeboten werden, z.B. als unverbindliche Übungen oder als Freigegenstände. Im Rahmen von Projekten kann auch klassenübergreifend gearbeitet werden.

Contracting

eine (inoffizielle) Vereinbarung zwischen Lehrperson und Schülerinnen/Schülern zum individuellen Lernprozess. Lernzielvereinbarungen sind pädagogische Maßnahmen auf freiwilliger Basis. Die Vorschriften über die Leistungsfeststellungen und die Leistungsbeurteilung bleiben davon unberührt.


Curriculum Compacting

ein Modifizieren oder beschleunigtes Durchnehmen des Lehrstoffes zu Gunsten zusätzlicher Lernangebote

 

Begabtenklassen in Mödling und Wieselburg

Hier wird die Unterstufe statt in vier Jahren in drei Jahren absolviert. Bei den Eltern findet diese Maßnahme reges Interesse. Weitere mögliche Maßnahmen dazu wären u.a. vorzeitige Aufnahme, Überspringen, Frühstudium, Mehrstufenklassen etc.

Im Sinne der Chancengerechtigkeit hat die Schule die Aufgabe, auch die Lern- und Entwicklungsbedürfnisse der (hoch) begabten Schüler/innen wahrzunehmen und ihnen mit adäquaten pädagogischen und organisatorischen Maßnahmen Rechnung zu tragen.

 

Akzeleration

Akzeleration ist eine Möglichkeit zur Anpassung des Unterrichtsangebots an das geistige Entwicklungsalter, das sich besonders bei hochbegabten Schülerinnen und Schülern deutlich von ihrem Lebensalter unterscheiden kann. Maßnahmen dazu wären u.a. vorzeitige Aufnahme, Überspringen, Frühstudium, Mehrstufenklassen etc.
Allerdings verlangen akzelerierende Maßnahmen, insbesondere die vorzeitige Aufnahme und das Überspringen von Schulstufen, meist zusätzliche Begleitmaßnahmen und eine verstärkte Kooperation aller Beteiligten. Der Unterricht in der höheren Schulstufe ist nicht automatisch an das Leistungsniveau und die Lernbedürfnisse des (hoch) begabten Kindes angepasst.

5.4. Separative Maßnahmen der Begabtenförderung

Laut § 45 des Schulunterrichtsgesetzes kann der Klassenvorstand bzw. die Schulleitung das Fernbleiben vom Unterricht „aus wichtigen Gründen“ erlauben. 1998 wurde dieser Paragraph in einem Erlass des Bundesministeriums (BMUKK-GZ 10.060/16-I/4b/98) im Sinne der Begabtenförderung ausgelegt. So gilt der Besuch von Universitätskursen (Programm „Schüler/innen an die Unis“) durch (hoch) begabte Schüler/innen als ein wichtiger Grund für das Fernbleiben von der Schule (Siehe auch § 9 Schulpflichtgesetz „aus begründetem Anlass“).

Zusammenfassend ist nochmals zu betonen, dass unter Beachtung der Aufsichtspflicht und des Prinzips der Selbsttätigkeit der Schüler/innen dafür zu sorgen ist, dass

  • die Schüler/innen innerhalb eines bestimmten räumlich abgegrenzten Bereichs und innerhalb eines genau festgesetzten Zeitraumes selbsttätig arbeiten,
  • die Schüler/innen vor etwaigen besonderen Gefahren gewarnt wurden,
  • die aufsichtsführenden Personen von den Schülerinnen und Schülern jederzeit erreicht werden können,
  • bei der Festlegung des räumlich abgegrenzten Bereichs und des festgesetzten Zeitraumes auf die körperliche und geistige Reife der Schüler/innen und mögliche Gefahren zu achten ist, und
  • die Schüler/innen im Zuge des selbsttätigen Handelns in der Regel nicht einzeln, sondern zumindest paarweise agieren.

 

Was Eltern tun können

Kinder, die unterfordert sind, leiden in der Schule unter Langeweile. Ihnen fehlen Herausforderungen, sie könnten vielleicht selbständig etwas erarbeiten.

Nicht jedes begabte Kind ist immer fleißig und hat immer gute Noten.

Lesen kann neue Welten öffnen, ohne geht’s nicht. Motivieren Sie Ihre Kinder positiv zum Lesen.

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Eine Theatergruppe kann Blockaden lösen und ermöglicht neue Lernsituationen

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