Machen Computer unsere Kinder dumm?

Machen Computer unsere Kinder dumm?

Pofr. Dr. Manfred Spitzer

 

 

Digitale Informationstechnik ist Teil des modernen Lebens: Schon Kinder werden vom Smartphone geweckt, telefonieren mit ihm oder dem Computer, kaufen im Internet, spielen an der Konsole, plaudern über facebook mit ihren Freunden und machen mit Google ihre Hausaufgaben. Die Benutzung neuer Medien, so hört man überall, sei eine Kulturtechnik wie etwa das Lesen, weswegen man den richtigen Umgang mit den digitalen Medien nicht früh genug lernen könne. 

Was bei oberflächlicher Betrachtung praktisch und konsequent erscheint, entpuppt sich jedoch bei genauerer Betrachtung als schwerer Irrtum. Kinder sind keine Erwachsenen, ihre besonders lernfähigen Gehirne brauchen bestimmte Erfahrungen, um sich überhaupt erst „bilden“ zu können, wobei es hier nicht um diese oder jene Form von Bildung geht, sondern um die Ausbildung von Verbindungen zwischen Nervenzellen aufgrund ihrer Verwendung. Betrachten wir ein Beispiel: Wer sprechen lernt, braucht den Umgang mit sprechenden Menschen, d.h. das gleichzeitige Sehen und das Hören von Mundbewegungen, an der gleichen Stelle im Raum. Sitzen kleine Kinder hingegen von Bildschirmen und Lautsprechern, lernen sie nicht, sondern bleiben in ihrer Sprachentwicklung zurück. Wer will, dass Kinder im Vorschulalter mathematisch besonders fördern will, der sollte Fingerspiele mit ihnen machen, denn Zahlen werden vom Gehirn über die Finger erworben, nicht durch Daddeln an einem Computer. Ebenso müssen die Gegenstände in der Welt mit den Händen buchstäblich begriffen und durch dieses Begreifen gelernt werden, wenn man möchte, dass die Kinder nach diesem Lernen besonders gut über die Welt nachdenken können sollen. Und wer handschriftlich Inhalte aufschreibt, verankert sie tiefer (mit komplexeren Programmen der Motorik) als wer nur auf einer Tastatur tippt. Dies sind nur einige wenige der vielen wichtigen Erkenntnisse der modernen Gehirnforschung. Zugleich wissen wir aus der psychologischen und der Bildungsforschung: Wer schon als Kleinkind viel Zeit vor Bildschirmmedien verbringt, zeigt vermehrt Störungen bei der Sprachentwicklung sowie in der Grundschule Lese-Rechtschreibstörungen und Aufmerksamkeitsstörungen. Eine Playstation im Grundschulalter verursacht nachweislich schlechte Noten im Lesen und Schreiben sowie Verhaltensprobleme in der Schule. Der Computer im Jugendzimmer wirkt sich negativ auf die Schulleistungen aus und kann zur Sucht führen, wie die 250.000 Internet- und Computersüchtigen in Deutschland zeigen. Computerspiele sind programmiert, um Sucht zu erzeugen und bewirken nachweislich die Aktivierung der gleichen Zentren im Gehirn wie harte Rauschdrogen. Weitere Folgen der intensiven Nutzung digitaler Medien sind Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht und Gewaltbereitschaft. 

Aus medizinischer Sicht haben Computer mithin nicht nur Wirkungen, sondern bergen auch Risiken und Nebenwirkungen. Daher ist besorgniserregend, dass Kinder heute täglich mehr Zeit mit elektronischen Medien Verbringen als in der Schule: Wer 35 Wochenstunden Schule hat, verbringt täglich 3,75 Stunden mit dem Schulstoff – der durchschnittliche Konsum digitaler Medien liegt dagegen bei 7,5 Stunden täglich! 

Vor fünf Jahren verzeichneten Ärzte im hochmodernen Industriestaat Südkorea bei jungen Erwachsenen immer häufiger Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie emotionale Verflachung und allgemeine Abstumpfung als Folge intensiver Nutzung der modernen Informationstechnik. Sie nannten das Krankheitsbild „Digitale Demenz“. Die Gehirne von Kindern und Jugendlichen müssen vor einem Zuviel dieser Technik geschützt werden, um sich normal entwickeln zu können. Die Beschränkung der Dosis ist daher geboten, die Aufrüstung von Kindergärten und Grundschulen mit Computern ist beim gegenwärtigen Forschungsstand unverantwortlich. 

 

Manfred Spitzer


Manfred Spitzer, MD, PhD
Professor and Chairman

University of Ulm
Department of Psychiatry

University of Ulm
Transfer Center for Neuroscience and Learning (ZNL)